Leinwand und Couture: Wenn das Kino die Welt kleidet
Eine grosse Geschichte von Liebe, Glamour, Pailletten und Nacheiferung. Seit ihren Anfängen hat die siebte Kunst einen engen Bezug zur Mode. Auf der Leinwand widerspiegeln die Kostüme die Kleidungscodes einer Epoche, erfinden die Kleidung der Vergangenheit neu, entwerfen die der Zukunft, erheben die Schauspielerinnen und Schauspieler zu Ikonen und geben Anregungen!
Während des goldenen Zeitalters von Hollywood schufen die Kostümdesigner und -designerinnen der grossen Studios Legenden. Edith Head – 35 Mal für den Oscar nominiert und mit den meisten Auszeichnungen – (Funny Face, The Sting), Travis Banton (Morocco), Adrian (Camille, The Women), Howard Greer (Bringing Up Baby), Orry-Kelly (An American in Paris) sowie Helen Rose (Cat on a Hot Tin Roof) begnügten sich nicht damit, zu kleiden, sondern modellierten und formten die Silhouetten der Stars (Marlene Dietrich, Greta Garbo, Lauren Bacall, Fred Astaire, Cary Grant, Katharine Hepburn, Grace Kelly, Audrey Hepburn, Elizabeth Taylor, Robert Redford…) und verliehen der Mode und dem Stil Ewigkeit im Licht der Filmprojektoren. Die grossen Modehäuser Frankreichs präsentierten sich als Erste auf der Leinwand: Coco Chanel trug zu den Kostümen für La Règle du jeu bei, Marcel Rochas schuf in seinem Modehaus (Falbalas) eine spezielle Abteilung für Film, und Jean Louis verwandelte Rita Hayworth in Gilda. In den 1950er- und 1960er-Jahren setzte Hollywood diese Allianz zwischen Kostümbildnern und Modeschöpferinnen fort: Marlene Dietrich wurde von Dior eingekleidet (Stage Fright), für die raffinierte und zugleich lässige Eleganz von Roman Holiday war Edith Head mit Givenchy zuständig.
Die Mode wird zu einer Vermittlerin von Identität und Narration; das Kino illustriert die gesellschaftlichen Veränderungen. Mit Marlon Brando (The Wild One) und James Dean, Brigitte Bardot (Et Dieu créa la femme) oder Jane Birkin (Blow Up) in Jeans und Konfektionskleidung geht es nicht mehr nur um Haute Couture. Einige Stars pflegen eine besondere Beziehung zu einem Modeschöpfer: Audrey Hepburn zu Givenchy (Breakfast at Tiffany’s), Catherine Deneuve zu Yves Saint Laurent (Belle de jour). Der Stylist oder die Stylistin kleiden nicht zwingend alle Beteiligten ein, sondern nur den Star (Victoria Abril in Tacones Lejanos in Chanel von Lagerfeld). Es kann auch sein, dass der Schauspieler oder die Schauspielerin seinen, beziehungsweise ihren Stil durchsetzt. In Annie Hall spielt Diane Keaton eine zentrale Rolle bei der Ausarbeitung des Looks ihrer Figur, indem sie Kleider aus ihrem persönlichen Fundus mit Second-Hand-Kleidung und einigen Stücken von Ralph Lauren kombiniert.
Neben den grossen italienischen Kostümbildnerinnen und -bildnern – Milena Canonero, Danilo Donati, Gabriella Pescucci (The Age of Innocence) – defiliert ab den 1980er-Jahren das gesamte «Made in Italy» durch die grossen internationalen Filme. Armani kleidet Richard Gere in American Gigolo, Michael Douglas trägt Nino Cerruti in Basic Instinct. Das Kino erkundet und integriert Mode nun als universelle Kunstform: von der futuristischen Pop-Fantasie von Barbarella von Paco Rabanne über die von Emi Wada für Ran üppig kostümierten Epen bis hin zum Cinquième Elément, der von Jean-Paul Gaultier entworfen wurde, und dem visuellen, grafischen und traumhaften Stil von Eiko Ishioka für The Fall sowie den extravaganten, theatralischen und symbolträchtigen Kostümen, die von Oumou Sy für Hyènes entwickelt wurden.
Das Kino dokumentiert, antizipiert, prägt und beeinflusst sich selbst, inszeniert die Welt der Couture (Phantom Thread), ihre vergängliche Oberflächlichkeit (Prêt-à-porter), die Exzesse und obsessiven Auswüchse der Konsumgesellschaft (The Bling Ring). Mode wird jedoch nicht nur gezeigt, sondern in Szene gesetzt, verherrlicht und manchmal lächerlich gemacht (Qui êtes-vous, Polly Maggoo?, Zoolander, The Devil Wears Prada). Kleidung wird zu einer Sprache, offenbart den Charakter und die Gemütsverfassung der Figuren (A Single Man), hinterfragt die sozialen Codes. Diese beiden Universen des Sichtbaren nähren die kollektive Vorstellungskraft, spielen mit unseren Träumen und Wünschen. Wie könnte man da widerstehen?
Chicca Bergonzi