Jodie Foster, eine aussergewöhnliche Persönlichkeit des amerikanischen Kinos, hat seit über 50 Jahren eine Karriere von bemerkenswerter Einzigartigkeit aufgebaut, die Publikumserfolge ebenso wie Autorenfilme und eigene Produktionen umfasst. Sie wurde 1962 in Los Angeles geboren, galt als Wunderkind und drehte schon in jungen Jahren Fernsehserien und Werbespots, bevor sie sich im Kinofilm einen Namen machte.
Das Jahr 1976 war ein entscheidender Wendepunkt in ihrem Leben: Mit nur 13 Jahren beeindruckte sie in Taxi Driver von Martin Scorsese und wurde zum ersten Mal für einen Oscar nominiert. Im selben Jahr zeigte sie sich in einer ganz anderen Rolle in Bugsy Malone von Alan Parker, einem Musical, in dem ausschliesslich Kinder auftraten.
Im Anschluss an ihr Literaturstudium an der Yale-University festigte Foster ihren Ruf als Schauspielerin und suchte stets nach neuen Herausforderungen. In Le Sang des autres (Claude Chabrol, 1984), einer Verfilmung des gleichnamigen Romans von Simone de Beauvoir, knüpfte sie wieder an die französische Kultur an, die sie gut kennt, hatte sie doch am Lycée français in Los Angeles studiert. 1988 bringt ihr The Accused für ihre erschütternde Darstellung einer Frau, die Opfer einer Gruppenvergewaltigung geworden war, ihren ersten Oscar ein.
1991 erhält sie einen zweiten Oscar für ihre Verkörperung der Clarice Starling in The Silence of the Lambs, einem Thriller von Jonathan Demme mit Kultstatus. Anschliessend spielte sie in unterschiedlichen Filmen wie Maverick (1994) und Contact (1997) mit und entwickelte sich in die Richtung weiter, die ihre Karriere prägt: Anstatt aus ihren Erfolgen Kapital zu schlagen, indem sie immer wieder dieselben Rollen spielt, lässt sie sich auf neue Welten und Erzählweisen ein – von Martin Scorsese bis Alan Parker, von David Fincher bis Neil Jordan, von Spike Lee bis Jean-Pierre Jeunet. Ihr Wechsel zur Regie geht einher mit ihrem Bestreben, ihren Horizont zu erweitern, indem sie sich mit Randfiguren, familiären Beziehungen und menschlichen Schwächen auseinandersetzt.
Ganz im Sinne ihrer freien und entschlossenen Figuren – oft im Gegensatz zum Hollywood-Star-System – hat Jodie Foster immer Wert darauf gelegt, ihr Privatleben zu schützen, indem sie sich so weit wie möglich vom Medienrummel fernhält. Ab den 2000er-Jahren begann sie, das Tempo ihrer Karriere zu drosseln und sich mehr ihrem Familienleben zu widmen. Ihr öffentliches Coming-out, das sie 2013 bei ihrer Rede bei den Golden Globes vor ihrer Partnerin und ihren Kindern mit Humor, Emotion und Feinsinn thematisierte – «I am so proud of our modern family» – erscheint als natürliches Ergebnis eines Lebens, das sie konsequent, unabhängig und mit intellektueller Ehrlichkeit geführt hat.
Diese Freiheit bestimmt ihre künstlerischen Entscheidungen und gibt ihr die Möglichkeit, ihre Projekte mit hohem Anspruch auszuwählen. Mittlerweile ist sie nur selten auf der Leinwand zu sehen, doch sie wurde kürzlich für The Mauritanian gefeiert, der ihr einen Golden Globe einbrachte, sowie für ihre Rückkehr zum Fernsehen in True Detective, einer vierten Staffel mit vorwiegend weiblicher Besetzung, die aus diesem Grund sowohl gefeiert als auch kritisiert wurde. In ihrem neuesten Film, Vie privée von Rebecca Zlotowski, spielt sie ihre erste grosse Rolle in französischer Sprache und lässt ihre ungebrochene Neugier als Schauspielerin, Regisseurin und Produzentin erkennen, die nie aufgehört hat, sich neu zu erfinden.
Chicca Bergonzi